Amphibienschutz in Herne 2020 (Tag 5)

Tag 1: alle Jahre wieder…
Tag 2: weiter geht es…
Tag 3: Aufbau letzter Akt…
Tag 4: de Zoch kütt früh…
Tag 5: Gullys entschärfen…
Tag 6: Tödlicher Liebesrausch…
Tag 7: Ende gut, alles gut…
Tag 8: Zaunkontrolle statt TV-Koma…
Tag 9: Laich überall Laich…
Tag 10: Nachkontrolle Gullys…

Tag 5: Freitag 21.02.2020 – Planänderung Dank Julia…

Planänderung – da sich an diesem Wochenende wieder verstärkt Wind für NRW angekündigt hat, nach Sabine und Victoria wird dieses Mal Julia erwartet, verzichten wir heute auf den Aufbau des Alternativzauns, was vor allem damit zu begründen ist, dass die Plastikfolie weniger windbeständig ist, als es das Original-Kunststoffgeflecht gewesen wäre. Denn nachdem wir das angelieferte Material des Schutzzauns in diesem Jahr verbaut hatten, mussten wir überrascht feststellen, dass der gelieferte Zaun nicht ausreicht, um den kompletten Bereich abzuzäunen.

Unerklärlicher Materialschwund

In den Vorjahren hatten wir vom grünen Zaungeflecht immer mehr als nötig, doch in diesem Jahr fehlen knapp 30 Meter Zaun und 5 Eimer. Auch Herr X. von der Unteren Umweltbehörde der Stadt Herne hat dafür keine Erklärung. Doch auch aus dem Zentrallager war kein Restzaun mehr aufzutreiben. Fünf Eimer aus dem Bestand hatte er uns im Laufe der letzten Woche noch nachträglich an den Zaun bringen lassen können. Das eigentliche Problem ist, dass das neue Zaunmaterial nicht in der Kürze der Zeit nachzubestellen ist, da die Bestellung wohl über die Verbandsebene des BUND zu erfolgen hat. Somit wäre es erst wieder möglich neues Material im nächsten Jahr zuordern. Bedeutet für Didi und mich, dass wir uns zeitnah eine Alternative einfallen lassen mussten. Unsere Lösung sieht es jetzt vor, das Kunststoffgeflecht durch normale Plastikfolie zu ersetzen, was Nachteile hinsichtlich von Windbeständigkeit und Nachhaltigkeit mit sich bringt.

Zu tun gibt es immer was

Aber es ist nicht so, dass es nicht noch andere Arbeiten zum Schutz der heimischen Amphibien zu erledigen gäbe. So will mir Kröten-Didi unbedingt noch die Amphibien-Hotspots zeigen, die er in den zurückliegenden Jahren entdeckt hat. Dazu treffen wir uns um 12.00 Uhr am Parkrestaurant im Eickeler Volkspark, denn hier soll sich einer dieser Hotspots befinden. Ich bin schon etwas früher am Start und nutze die Zeit, um ein paar Fotos aus dem Park für den Blog zu machen, um die Seite damit zu ergänzen. Währendessen lässt Didi mich per WhatsApp wissen, dass er etwas verspätet zum Treffpunkt kommen wird. Als ich ihn dann sehe, erklärt sich mir seine Verspätung ohne Worte. Denn sein Fahrrad ist mit allerlei Material beladen, das in einer großen roten Einkaufstasche an seinem Lenker schaukelt.


Schon in den zurückliegenden Jahren wollte er mir ständig die relevanten Gullys zeigen, aus denen er schon seit seiner Jugend immer zahlreiche Amphibien retten konnte, allerdings hielt sich mein Interesse in Grenzen. Seine entdeckten Hotspots befinden sich ohne Ausnahme konzentrisch um das einzige Feuchtbiotop im Eickeler Volksgarten verteilt

1.) Gullys im Bereich der Einfahrt zum Restaurant

Für die ersten Gullys müssen wir gar nicht weit in den Park gehen. Sie befinden sich im Bereich des Parkplatzes unmittelbar an der Zufahrt zum Cafe und Restaurant. Hierbei handelt es sich um herkömmliche Straßengullys. Wobei zu diesem Zeitpunkt für mich Gullys einfach nur Gullys sind, was sich im weiteren Verlauf der Ortsbegehung aber noch ändern soll.

Einfahrt zum Cafe und Restaurant im Eickeler Park; Blick in Richtung Reichsstraße.

Didi erklärt mir, dass an vielen Stellen im Park, so wie es auch an einigen Abschnitten an dieser Straße der Fall ist, nicht die Gullys das alleinige Problem sind, sondern Gullys mit weitauseinanderliegenden Streben in Kombination mit zu hohen Bordsteinkanten, die von den Amphibien nicht überwunden werden können und die Lurche zudem in die Richtung der tödlichen Falle leiten.

weite Gullystreben + hoher Bordstein = tödliche Gefahr !!!

Bei unseren Kontrollen stellen wir außerdem häufig fest, dass viele der Gullys massiv mit Laub befüllt sind, was nach Didi aber durchaus von Vorteil sein kann, aber auch nur dann wenn die Gullys randvoll gefüllt sind. Da es randvoll unmöglich ist, dass ein Lurch hineinfallen kann. Ein halbvoll gefüllter Abwasserschacht erschwert dahingegen die visuelle Kontrolle erheblich, weil sich die Amphibien im Laub verstecken und nur schwer zu erkennen sind.

Bei den eingesetzten Schlitzeimern, die zumeist eine korrosionsbeständiger Verzinkung aufweisen, ist die Problemlage eine andere. Diese Einsätze haben die Form eines hohen Eimers und sind mit seitlichen Schlitzen ausgestattet, sodass das vom Regenwasser mitgeführte Gemisch aus Schmutz und Laub auffangen wird und nicht in den Kanalisationsschacht fällt. Mit zunehmenden Füllstand dieser Schmutz- und Laubfänger mit Laub, Schmutz und sonstigem Müll steigt die Gefahr, dass Amphibien, die in den Gullyschacht gefallen sind, über die Schlitze in die offene Kanalisation gelangen, was eine potentielle Rettung unmöglich macht und den sicheren Tod bedeuten würde. Ausstieghilfen wären für diese Problemsituation eine probate Lösungsmöglichkeit.


2.) Gullys direkt am Feuchtbiotop

Die 5 kleinen Gullys auf den Parkwegen unmittelbar am Feuchtbiotop scheinen die größte Gefahr für die Amphibien auszustrahlen. Hierbei handelt es sich im Gegensatz zu den Gullys, die im Straßenverkehr verbaut sind, um recht kleine Gullys mit schmalem Strebenabstand, was die Gefahr eigentlich reduzieren sollte. Doch aufgrund der Nähe zum Laichgebiet stellen genau diese Gullys nach Didis Expertenmeinung die Gullys dar, aus denen er jedes Jahr die meisten Amphibien retten musste. Wenn man außerdem dann noch bedenkt, dass die Jungkröten und -molche um ein Vielfaches kleiner sind als die ausgewachsenen Exemplare, unterstreicht dies den akuten Handlungsbedarf.


Bis zu diesem Standort hatten wir allerdings nur Laub und Schmutz aus den Fangkörben der Entwässerungsschächte befreit. Und ich hatte schon langsam das Gefühl, dass Didi die Situation ein wenig dramatisiert haben könnte. Doch der Anfangsverdacht verflog unmittelbar nachdem er aus dem einen Gully gleich 4 Erdkröten herausholte. Was direkt auffiel, dass sich die Kröten augenscheinlich in einem sehr schlechten Zustand befunden hatten. Sie schienen total abgemagert und teilweise auch ausgetrocknet zu sein. Dem Zustand nach zu urteilen, müssen die Tiere schon eine ganze Weile in der aussichtslosen Situation verbracht haben.


Motivierende Zwischendurch-Begegnungen

Während ich die vier Erdkröten ans Ufer des Feuchtbiotops bringe, kommt eine Joggerin vorbei gelaufen. Sie bleibt stehen, nimmt ihre Kopfhöhrer ab und fragte Didi, was wir da genau machen würden. Worauf er ihr die Situation ausführlichst erklärt. Die Dame hört ihm interessiert zu und noch bevor sie sich die Kopfhörer wieder aufsetzt und davon läuft, bedankt sie sich bei uns für unser Engagement. Entgegengebrachten Dank hört man doch immer gerne, besonders dann wenn er ernst gemeint ist. Auch die unmittelbar darauf folgende Begegnung mit einer Hundebesitzerin, die uns von sich aus erzählte, dass sie mit ihrem Mann auch jedes Jahr die Kröten hier herbringt, die sie auf der Straße beim Weg hierhin findet, gehört zu den netten Begegnungen an diesem Tag.

Mein Fund des Tages

Im Schacht vom allerletzten Gully am Feuchtbiotop, der in der Kurve hinter dem Feuchtbiotop liegt, finden wir einen weiteren Lurch. Direkt macht sich Erleichterung breit, denn es ist ein Teichmolchweibchen und damit der erste Molch, den wir in dieser Saison überhaupt zu Gesicht bekommen haben. Nachdem an den vorherigen Tagen noch kein einziger Molch in einen der Fangeimer am Schutzzaun beobachtet werden konnte, hatten wir uns fast schon Sorgen gemacht, dabei scheint mit den Molchen doch alles normal zu sein. (Randbemerkung: Mittlerweile sind auch die ersten Teichmolche am Zaun an der Berliner Straße gesichtet worden.) Zur Feier des Tages an dieser Stelle ein treffendes Zitat: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann“. (Leo Tolstoi).


3.) Gullys Seitenstraße am Altenheim

An der kleine Seitenstraße am Altenheim kontrollieren wir 6 weitere Standard-Gullys und machen dabei Bekanntschaft mit einer eher unfreundlichen Anwohnerin, die uns fast schon patzig auffordert, die Gullys ja nicht abzugittern, weil dies im letzten Jahr ihrer Ansicht nache in den Bereichen der Straße zu erheblichen Überschwemmungen geführt haben soll. Wir gucken uns nur gegenseitig an, wünschen einen schönen Tag und ziehen unverrichteter Dinge weiter. Didis Expertenblick ist nämlich nicht entgangen, dass beide Gullys randvoll mit Laub gefüllt waren und deshalb sowieso keine Gefahr für die Amphibien besteht. Der Klügere gibt nach, der mit offenen Augen durchs Leben läuft auch, oder wie war das?! Glücklicherweise zeigen die meisten Bürger mehr Verständnis und viele von ihnen bedanken sich für das aufgebrachte Engagement, so wie die Joggerin kurz zuvor gezeigt hat.


4.) Gullys an der Reichstraße vor der Grundschule

Nach dem kurzen Zwischenfall geht es weiter im Programm. Als nächstes geht es zur Reichsstraße. Die 6 Gullys im oberen Bereich der Reichsstraße unmittelbar vor der Grundschule am Eickeler Park sind wieder von der Kategorie doppeltgefährlich, da sie in Kombination mit einer durchgehend hohen Bordsteinkante auftreten. Da das grüne Kunststoffgitter mittlerweile ausgegangen war, bleibt es bei der obligatorischen Kontrolle mit Stockstochern im Laub.


5.) Lichtschächte an der Grundschule

Nicht nur Gullys stellen eine Gefahrenquelle für die wandernden Amphibien dar. Auch vergitterte Kellerschächte wie beispielsweise direkt an der Grundschule am Eickeler Park, die zum Großteil mit Laub überfüllt sind, können zu Todesfallen für die Amphibien werden. Die Blätter bieten den Tieren zwar Versteckmöglichkeiten, die bringen ihnen aber nichts, da sie alleine nicht mehr aus dem Schacht herauskommen und darüber hinaus eine schnelle Rettung nahezu unmöglich machen. Didi sucht sich zum wiederholten Male an diesem Tag einen Stock aus dem Gebüsch und stochert auf der Suche nach Amphibien eine Weile im Laub herum, findet diesmal aber nichts Amphibisches. Eventuell könnte man im nächsten Jahr Kontakt zum Hausmeister der Schule aufnehmen, um ihn zu bitten, die Schächte früher vom Laub zu befreien. Vielleicht wäre es zusätzlich sogar möglich, Ausstiegshilfen zu installieren.


Fazit des heutigen Einsatzes:

Wenn ich eins von diesem Tag an der „Krötenfront“ mitnehmen, dann die Erkenntnis, dass Gully nicht gleich Gully ist. Bei den diversen Bauweisen und Ausstattungen wird es schwierig nur mit einer Lösung alle Gullys zu entschärfen. Ich glaube, man müsste sich nach der Amphibiensaison nochmal zusammensetzten, um das Problem Gully systematisch anzugehen und langfristig zu beseitigen.

Tagesausbeute: Vier Erdkröten und ein Teichmolch konnten gerettet werden und mindestens ein Dutzend Abwasserkanäle wurden kontrolliert, teilweise geleert und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln gesichert. Darüber hinaus habe ich heute eine neue Facette des Amphibienschutzes kennengelernt. Allerdings ist mir schnell klar geworden, dass ich auf diese Arbeiten keine große Lust habe. Vor allem dann nicht, wenn keine langfristigen Lösungen gefunden werden, obwohl es sie gibt und ich jedes Jahr aufs Neue die Gullys checken und präparieren soll.

Doch wenn ich eins von meiner Bundeswehrzeit überdauernd mitgenommen haben, dann die Verhaltensmaxime, dass Meldung frei von Verantwortung macht. Deshalb werde ich versuchen den BUND und die Untere Umweltbehörde mit ins Boot zu holen und sie von den baulichen Mängeln und der damit zusammenhängenden Gefahr für die Amphibien unterrichten. Neben der Verantwortungsübertragung werde ich gleichzeitig einige Vorschläge unterbreiten, die zu einer langfristigen Verbesserung der Situation beitragen könnten.

  • Die alljährlich zu erfolgende Gullyreinigung durch den Bereich Stadtgrün sollte idealerweise zeitlich an den Beginn der Wanderung (Anfang Februar) verschoben werden. Koordinierung mit dem Grünflächenamt nötig.
  • Langfristig ist über bauliche Lösungen nachzudenken – beispielsweise in Form von Ausstieghilfen (Netz/Lochplatte): in Absprache mit BUND und Untere Umweltbehörde der Stadt Herne. Zuvor ist eine systematische Ortsbegehung mit Bestandaufnahme ratsam.
  • Vor allem die Gullys im direkten Biotopumfeld sollten durch amphibienfreundliche Varianten mit engeren Streben ausgetauscht werden oder mit langfristigen Lösung gesichert werden. Idealerweise zum Zeitpunkt, wenn die Schächte sowieso gereinigt werden, was wieder die enge Koordination mit dem Grünflächenamt erfordern würde.
  • Den Bordstein an den kritischen Stellen abzusenken, wo es möglich und nötig ist, damit ihn die Amphibien überklettern können. Denkbar wären hierbei auch Keile als Rampen.

Klar ist mir natürlich auch, dass einige dieser Maßnahmen mit finanziellen und personellen Mehrkosten verbunden sind und durch die Verantwortlichen deshalb abgewogen werden muss, ob es zwingend erforderlich ist, Populationen der „Allerweltsarten“ (Erdkröte & Teichmolch) an jeder Stelle im Stadtgebiet mit maximalem Einsatz zu schützen. Für die Amphibien wäre es natürlich ideal, aber eine leere Stadtkasse erfordert nunmal die Priorisierung von Vorhaben, was oft mit Abstrichen für wichtige Ressorts (Umwelt und Soziales) einhergeht.


Tag 1: alle Jahre wieder…
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Tag 6: Tödlicher Liebesrausch…
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3 Gedanken zu „Amphibienschutz in Herne 2020 (Tag 5)

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