Amphibienschutz in Herne 2020 (Tag 6)

Tag 1: alle Jahre wieder…
Tag 2: weiter geht es…
Tag 3: Aufbau letzter Akt…
Tag 4: de Zoch kütt früh…
Tag 5: Gullys entschärfen…
Tag 6: Tödlicher Liebesrausch…
Tag 7: Ende gut, alles gut…
Tag 8: Zaunkontrolle statt TV-Koma…
Tag 9: Laich überall Laich…
Tag 10: Nachkontrolle Gullys…

Tag 6: Freitag 28.02.2020 – Tödlicher Liebesrausch…

Beim Rundgang um das Gewässer wird deutlich, dass der Frühling unaufhaltsam vor der Tür steht. Das Wachstum der Wasserpflanzen hat in den letzten Tagen erheblich zugenommen. Große Bereiche an und unter der Wasseroberfläche des Feuchtbiotops sind frischgrün. Zudem scheint es so, als würde das Wasser sprudeln. An den Algen befinden sich Unmengen von kleinen Gasbläschen. Diese Gasbläschen, die von den Wasserpflanzen ins Wasser abgeben werden, sind das Nebenprodukt der Fotosynthese. Denn jedes Kind weiss, dass beim Prozess der Fotosynthese Pflanzen mit Hilfe des in ihnen enthaltenen Chlorophylls und unter Sonneneinstrahung Kohlendioxid und Wasser in Glukose und Sauerstoff umwandeln. Die dabei entstehende energiereiche Glukose wird unter anderem zum Pflanzenwachstum benötigt und der Sauerstoff als Abfallprodukt ins Wasser abgegeben. Doch außer dem zu beobachtenden Vegetationsschub ist im Teich aktuell noch nicht viel los. Von den wenigen Amphibien, die wir bisher in dieser noch jungen Wandersaison hierher gebracht haben, können wir keine entdecken. Für Libellen ist es sowieso noch zu früh im Jahr.

Massives Algenwachstum und aufsteigende Gasbläsche, der Frühling naht.

Dann erblicke ich im nahen Uferbereich doch noch etwas Amphibisches. Verschwommen durch das Wasser lässt sich ein Kröten-Doppeldecker sehen. Allerdings fällt mir sofort die atypische Form des Doppeldeckers auf. Es macht den Anschein als würden es nicht wie normal 2 sondern 3 Kröten sein, die sich in der typischen Paarungsumklammerung befinden. Nachdem sich Didi die Situation auch nochmal angeguckt hat, sind wir uns einig, es ist ein so genanntes Todesrad. Bei einem Todesrad klammern sich mehrere Krötenmännchen an ein Krötenweibchen. Didi erzählt mir davon, dass er in der Vergangenheit schon Todesräder mit über 6 Tieren beobachten konnte.

Unförmiger Kröten-Doppelpack im Feuchtbiotop an der Berliner Strasse im LSG Pluto V.

Zufall, Schicksal oder Fügung?

Erst in einer der Mails aus der Vorwoche erwähnte Didi noch, dass er derzeit gezielt im Teich auf dieses Phänomen besonders achtet. Als Todesräder bezeichnet er das Resultat, das durch das Fehlverhalten der hormongesteuerten Krötenmännchen bei der Paarung auftritt. Das Problem bei diesen so genannten Todesrädern ist, dass das Weibchen ab einer gewissen Last von Männchen so schwer beladen ist, dass es nicht mehr in der Lage ist, zum Lufthohlen an die Wasseroberfläche zu gelangen und ertrinken kann.

Wenn immer Didi ein solches Todesrad beobachtet, versucht er mit einen langen Stock die umklammerten Kröten ans Ufer zu holen. Dann nimmt er das „Krötenbündel“ in die Hand, um es „behutsam auseinander zu zuppeln“, indem er vorsichtig mit dem Zeigefinger zwischen die Krötenköper geht. Dieser Trennvorgang erfordert ein bisschen Fingerspitzengefühl, um dem Männchen nicht die Vorderbeine zu brechen. Nach seiner Meinung sollte man hierbei, „genauso wie bei Fehlpaarungen zwischen Grasfrosch und Erdkröte oder umgekehrt, ruhig in die Natur eingreifen“. Denn täte man dies nicht, „laicht das Weibchen ab und der Laich ist dahin“, da der Befruchtungsversuch erfolglos bliebe.

Schwer zu erkennen, aber in diesem Knubbel sind tatsächlich 3 Kröten.

Schnell ist klar, dass man aufgrund der potentiellen Gefahr im Sinne des Naturschuzes engreifen sollten. Deshalb „opfere“ ich mich, ziehe mir Schuh und Socken am rechten Fuß aus und steige ins arschkalte Wasser. Glücklicherweise befindet sich das Krötengebilde nur einen Schritt vom Ufer weg, sodass es bei dem einen Schritt bleiben kann. Jeder weitere Schritt hätte außerdem mein hochgekrempeltes Hosenbein erreicht, da das Wasser doch tiefer war, als es von Außen ausgesehen hatte. Die geringe Wassertemperatur sorgt dafür, dass das Trio keinen Fluchtversuch startet. Nach einem beherzten Griff ins kühle Nass habe ich sie in der Hand.

Die Kälte steigt langsam mein Bein hinauf, deshalb gebe ich sie direkt an Didi weiter und zieh mir schnellstmöglich den Socken, dann den Schuh wieder an. Und dann musste ich schnell sein, denn von diesem Szenario wollte ich unbedingt ein Bild für den Blog haben, weshalb ich meine Cam aus dem Rucksack packe und ein einige Bilder festhalten kann. Während Didi das Krötenknubbel für die Cam präsentiert, löst sich das obere der Männchen von selbst und er hält schließlich einen Doppeldecker und ein Solomännchen in den Händen.

Das gelöste Todesrad – aus drei mach zwei plus eins.

Didi erzählt mir außerdem, dass er auch schon Todesräder gesehen hat, bei dem unterschiedliche Arten in einer Paarungsumklammerung waren. Erdkröte mit Grasfrosch oder Kreuzkröte mit Erdkröte. Solche Paarungsversuche empfiehlt er ebenfalls zu lösen, da sie ohne Aussicht auf Befruchtungserfolg wären. Beim Lösen des Todesrades ist Fingerspitzengefühl gefragt, da sonst die Beine des kleineren Männchens, die sich um den Körper des Doppeldeckers klammen, filigran gebaut sind und leicht brechen können.


Spekulationen ins Blaue hinein:

Welchen biologischen Zweck könnte dieses  teilweise tödliche Verhalten erfüllen? Worin liegt der evolutionäre Vorteil? Warum hat „die Natur“ davon?

  • eine Vermutung ist, dass es zum Todesrad vor allem dann kommt, wenn ein kleines und schwaches Männchen auf einem Weibchen sitzt und es nicht in der Lage ist mit seinen Hinterbeinen weitere lästige Konkurrenten abzuwehren. Schutzmechanismus zur Vermeidung der Weitergabe schwacher Gene?!
  • unsere Datenlagen vom Zaun spricht auch dafür, dass das Verhältnis von Männchen zu Weibchen bei ungefähr 3:1 liegt, was zwangsläufig dazu führt, dass viele Männchen kein Weibchen abbekommen und vielleicht so versuchen doch noch zum Erfolg zukommen. „Todesrad als Reaktion auf eine Art von Torschusspanik“
  • Taktik/ Strategie um zumindest einen Teil der Laichschnüre befruchten zu können
  • Anderer Erklärungsansatz – Liebe macht blind – Hormoncocktail der triebgesteuerten Männchen führt über einen Wahrnehmungsverlust zum gezeigten Fehlverhalten.

*Augenzwinker


Tag 1: alle Jahre wieder…
Tag 2: weiter geht es…
Tag 3: Aufbau letzter Akt…
Tag 4: de Zoch kütt früh…
Tag 5: Gullys entschärfen…
Tag 6: Tödlicher Liebesrausch…
Tag 7: Ende gut, alles gut…
Tag 8: Zaunkontrolle statt TV-Koma…
Tag 9: Laich überall Laich…
Tag 10: Nachkontrolle Gullys…

3 Gedanken zu „Amphibienschutz in Herne 2020 (Tag 6)

  1. Schön beschrieben. Wenn bei mir im Teich zwei Männchen an einem Weibchen klammern, fische ich sie auch möglichst heraus und setze sie aufs Trockene. Nach einiger Zeit gibt eines der Männchen auf und dann ist alles wieder ok. Ich greife da auch ein. Es ist nämlich nicht so lustig, anschließend die toten Weibchen abzufischen.
    Wenn der Winter lang ist, sind die Faulgase noch im Wasser, die sich unter dem Eis gebildet haben, und dann halten die Weibchen nicht lange durch. Das mag sinnvolle natürliche Auslese sein, aber im Gartenteich hat man das nicht so gern.
    Liebe Grüße, Richard

    Gefällt 1 Person

    • Danke Richard. Das mit dem auf dem Trockenensetzen scheint ja auch in unserem Fall super geklappt zu haben. Vlt. muss mann sie auch gar nicht auseinander-„zuppeln“ oder erst wenn sich ein Multi-Knubbel gebildet hat?!

      Unter dem Aspekt der Wasserverunreinigung aufgrund der vermehrt auftretenden Faulgase habe ich es noch gar nicht betrachtet, klingt bei steigender Wassertemperatur aber logisch.

      Und kompakte Eisflächen gab es bei uns in diesem Jahr unabhängig von der Gewässergröße höchstens zu 2-3 Kurzphasen in diesem Winter und die waren alles andere als von Dauer.

      Naja, schauen wir mal, was noch so alles passiert in dieser Saison… 😉

      Beste Grüße, Christian

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Amphibienschutz in Herne 2020 (Tag 7) | Der Landschaftsmeldeläufer

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