Kurioses aus der Landschaft – blutender Fluss in Wanne-Eickel

Seltenes Naturschauspiel am Hüller Bach?

Vor einem Monat erst berichteten verschiedene Medien vom sich rotfärbenden Schnee in der Arktis. Auch in Seen rund um die Welt – im Allgäu, den Schweizer Alpen oder in Bolivien – konnte dieses farbenfrohe Naturschauspiel in der Vergangenheit schon beobachtet werden – und jetzt auch in Röhlinghausen Mitten im Ruhrgebiet?!


In der Regel sind die Gründe für dieses Farbspektakel natürlichen Ursprungs. Entweder wird die Rotfärbung durch eine Schwemme roter Algen, durch eingeleitete Farbstoffe oder eine Kombination aus Beidem verursacht. Die negativen Auswirkungen für die Umwelt sind überschaubar. Im Fall des rotgefärbten Schnees in der Arktis führt der Effekt zwar zu einer beschleunigten Schneeschmelze, weil die Farbe Rot im Vergleich zur weißen Farbe des sauberen Schnees weniger reflektierend wirkt. Der rote Schnee im Umkehrschluss einen größeren Teil des Lichtspektrums absorbiert und sich somit schneller aufheizt. Da sich dieses Phänomen aber auf eine relativ kleine Fläche begrenzt, sind die Negativwirkungen nicht von großer Relevanz.


Algenschwemme oder Farbstoff?

Eine Schwemme von roten Algen ist als Grund für die Rotfärbung des Hüller Bachs auszuschließen. Denn der Hüller Bach ist mit etwa 8,5 Kilometern der längste Nebenfluss der Emscher und durchfließt die Ruhrgebietsstädte Gelsenkirchen, Bochum und Herne. Im Gegensatz zu den Seen ist der Hüller Bach kein Stillgewässer, weshalb Algen nicht ursächlich sein sollten. Hier in der Nähe vom Mittelpunkt des Ruhrgebiets ist der Grund für die Rotfärbung wesentlich profaner.

Ein eisenhaltiger Proteinkomplex: Hämoglobin

Die zeitweise Rotfärbung des Hüller Bachs wird durch einen farbigen Stoff verursacht, der über das Abwasser in das Fließgewässer gelangt. Bei dem Farbstoff, der den Hüller Bach an manchen Tagen rötlich-braun färbt, handelt es sich um Hämoglobin. Der eisenhaltige Proteinkomplex ist nicht nur wesentlicher Bestandteil des Blutes und für den Transport des Sauerstoffs zuständig, sondern auch für die rote Farbe verantwortlich. Bei dem eingeleiteten Blut handelt es sich natürlich nicht um menschliches Blut, sondern um Tierblut, das von einem Schachthof offiziell und legal in den Bach eingeleitet wird.

Wie kann das legal sein?!

Dass dieser Vorgang offiziell und legal ist, hängt mit dem Kuriosum zusammen, dass der Hüller Bach noch immer als oberirdisch verlaufende Kloake genutzt wird. Der Hüller Bach dient als offener Abwasserkanal, durch den nicht nur Regen- und Oberflächenwasser, sondern auch ungeklärtes Schwarzwasser sowohl aus Haushalten als auch von Unternehmen hindurchfließt. Und zu den Unternehmen, die ihr Abwasser in den Hüller Bach einleiten, gehört eben auch ein Schlachthof in Bochum.


Keine Gefahren für Mensch und Umwelt

Die eingeleiteten Blutabfälle sind aus ökologischer Perspektive unbedenklich, da sich Tierblut genauso wie menschliches Blut lediglich aus Proteinen, Salzen und niedermolekularen Stoffen zusammensetzt. Und wenn man bedenkt, dass neben dem Tierblut aus dem Schlachthof auch fäkalienbelastetes Abwasser aus den angrenzenden Haushalten ungeklärt in den Bach landen, dann ist die Gefahr, die von dem Tierblut ausgeht überschaubar. In Abhängigkeit von der Wetterlage und der damit zusammenhängenden Menge an Regen- und Oberflächenwasser kann es je nach eingeleiteten Abfällen zu Geruchsbelästigungen im direkten Umfeld kommen.

Relikt aus dem Mittelalter

Der Umstand, dass im Jahre 2020 Mitten in Deutschland überhaupt noch ein natürlicher Bach als offener Abwasserkanal genutzt wird, ist mehr als unverständlich. Solche präzivilisatorischen Zustände bringt man vielleicht mit unterentwickelten Ländern der Dritten Welt in Verbindung, aber sicherlich nicht mit einer Gegend im Westen der Bundesrepublik Deutschland.

Renaturierung der Emscher schreitet voran

Aber ein Ende dieses Umweltfrevels ist zum Glück in Sicht. Denn im Zuge der fortschreitenden Maßnahmen zur Renaturierung der Emscher wird der Hüller Bach zukünftig durch einen unterirdisch verlaufenden Abwasserkanal vom Schwarzwasser befreit sein. Schon Ende 2021 soll der Hüller Bach auf der gesamten Länge von 8 km frei von Abwässern sein. Beim letzten Bauabschnitt im Rahmen des ökologischen Umbaus der Emscher ist ab 2022 dann die eigentliche Renaturierung des Nebenflusses geplant, bei der unter anderem das künstliche Flussbett aus Beton entfernt werden soll.


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