Spätsommer Landschaftspflege im LSG Röhlinghausen – tierische Rasenmäher

In der letzten Woche wartete beim Durchqueren des LSG Hofstraße in Herne-Röhlinghausen ein ungewohnter Anblick, der bei mir unmittelbar ein Hauch von Urlaubsgefühlen aufkommen ließ. Und dies hing keineswegs mit den tropischen Temperaturen zusammen…

Landschaftspflege durch Beweidung – eine naturnahe und schonende Alternative zur maschinellen Mahd – an der Hofstraße in Herne-Röhlinghausen erstmalig beobachtet im August 2020.

Auf der großen Überlauffläche des Hochwasserauffangbeckens, die unmittelbar an den Deich des Hüller Bachs angrenzt und bei Starkregenereignissen dem Schutz der Deiche dient, gabe es ein für unsere Breitengrade ein eher seltenes Schauspiel zu bestaunen. Auf der großen Wiese tummelte sich Anfang August eine große gemischte Herde aus Schafen und Ziegen.

Die Tiere stehen zumeist dicht nebeneinander gedrängt, da die Gemeinschaft bietet nicht nur Gesellschaft, sondern vor allem Schutz und Sicherheit vor Beutegreifern. (Foto August 2020).

Die Szenerie war durchaus vielseitig und interessant anzusehen. Schreiende Lämmer in Weiß und Schwarz, säugende Muttertiere, neugierige Zicklein und stattliche Ziegenböcke mit bedrohlichen Hörnen und einer Glocke um den Hals, die so wie es schien, die Funktion des Leitbocks übernommen hatten, komplettierten die rund 100 Tiere starke Herdengemeinschaft.



Ziegen und Schafe – Paarhufer als Helfer im Artenschutz

Ähnliche Bilder hatte ich bis dato nur an der niederländischen Küste live beobachtet, wo Scharfe und Ziege zur Pflege und Instandhaltung der dortigen Deichanlagen zum Einsatz kommen. Aber auch in anderen Kulturlandschaften wie beispielsweise auf alpinen Hochalmen oder in der Heide sind die tierischen Landschaftspfleger ein wichtiger Faktor zum Erhalt von Kulturlandschaft und deren Artenvielfalt. Bedroht sind diese Kulturlandschaften deshalb, weil brachliegende Flächen naturgemäß zum Verbuschen und Verwalden neigen, was letztendlich zum Verlust von landschaftlichen Eigenschaften führt, auf die viele bedrohte Pflanzen und Tiere angewiesen sind.

Am Abend suchen die Tiere den Schutz der Herde, während sie am Tage auch in Kleingruppen durch die Botanik streifen.

Unmittelbare Auswirkung auf das Ökosystem

Eintrag von Kot – und die damit einhergehende Nährstoffanreicherung, was aber insofern nicht von Bedeutung sein sollte, da bei Hochwasserereignissen/ Flutung des Areals durch das vom Hüller Bach mitgeführte Schmutzwasser sowieso Nährstoffe in erheblicher Menge in den Bereich eingebracht werden würden. Außerdem können durch die Tiere auch nur die Nährstoffe ausscheiden werden, die sie aus den eingezäunten Bereichen zuvor entnommen haben

Auf der anderen Seite kann der Kot von Schaf und Ziege für andere Tiere, vor allem für kotfressende Insekten (Mistkäfer, Fliegen, etc.) eine Bereicherung darstellen, die wiederrum das Nahrungsspektrum für Vögel und Amphibien erweitern.

Tritt- und Bissschäden – ersteres ist bei Paarhufern mit überschaubarem Gewicht wohl eher als vernachlässigbar gering einzuschätzen, was die Bissschäden betrifft, so sind diese ja das beabsichtigte Ziel der Beweidung und damit erwünscht. Dennoch bleibt zu berücksichtigen, dass hierbei durch die Tiere sicherlich auch eine Art von „floraler Selektion“ stattfindet, da höchstwahrscheinlich nicht alle Pflanzen gleich stark verbissen werden.

Im Idealfall sorgen die Tiere aber dafür, dass dominante Pflanzenarten zurückgedrängt werden und weniger dominante Pflanzen die ihnen geboten Chance nutzen, um in diese geschaffenen Lücken vorzustoßen.

Die grünen Triebe der Kopfweiden, die ich jedes Jahr im Frühjahr nach der Blüte schneide, scheinen ihnen besonders zu schmecken.

Beobachtung: Unterschiede im Verhalten Schaf vs. Ziege

Auf der Grünfläche des Rückhaltebeckens sind grundsätzlich artspezifische Verhaltensweisen zu erkennen. Während sich die Schafe beim Fressen vornehmlich der Bodenregion widmeten, sind die Ziegen bei der Beschaffung von Leckereien in jedem Fall aktiver, forscher und eigensinniger. So sind Ziegen zu sehen, die auf zwei Beinen stehen und akrobatisch versuchen, an das satte Grün der Äste der angrenzenden Sträucher und Weiden zu gelangen. Mit ihrem Gewicht biegen sie die Äste nach unten, um sie dann abzufressen. Hierbei lassen sich auch Kooperationen zwischen zwei Individuen erkennen, inwieweit die Unterstützung gewollt ist oder eher zufällig erfolgt, lässt sich nicht beurteilen.

Landschaftspflege durch Beweidung ein Gewinn für Mensch, Tier und Natur

Es bleibt abschließend festzuhalten, dass die im LSG Röhlinghausen erstmalig beobachtete Szenerie der Beweidung von Landschaftsflächen im Herner Stadtgebiet eine Bereicherung für das Landschaftsschutzgebiet darstellt, an die man sich in Zukunft durchaus gewöhnen könnte und die gerne auch auf weitere Flächen ausgeweitet werden darf. Denn die Umgebung rund um die zukünftig renaturierte Emscher bietet für diese Form der Landschaftspflege ein großes Potential. Aktuell wird ein Großteil der technischen Emscher-Deichanlagen noch regelmäßig maschinell mit Aufsitzmäher und Mähroboter gepflegt, was nach Abschluss der Renaturierung nicht mehr zwingend erforderlich sein muss, da die Gefahren bestehend aus steiler Deichneigung und hoher Fließgeschwindigkeit für eine potentielle Beweidung reduziert sein werden.

Mit dem mobilen Elektrozaun ist das zu beweidende Areal schnell abgesteckt, was im LSG Röhlinghausen vor allem aufgrund freilaufender Hunde erforderlich ist.

Ausweitung der Beweidung auf andere Orte im Stadtgebiet

Eine maschinelle Mahd erfolgt in Herne aber auch an anderen städtischen Grünflächen im Stadtgebiet u.a. im LSG Pluto V und im NSG Berghalde Pluto-Wilhelm. Auch hier würde die Landschaftspflege in Form der Beweidung durch Paarhufer im Vergleich zur maschinellen Mahd eine naturnahe und damit schonende Alternative darstellen. Im westlichen Herner Stadtgebiet wären m.E. neben dem Hochwasserrückhaltebecken im LSG Röhlinghausen noch weitere potentielle Schutzgebietsflächen für eine Beweidung durch Schafe und Ziegen denkbar und geeignet.

  • LSG Röhlinghausen – bspw. Hochwasser-Überlauffläche
  • LSG Pluto V – bspw. Bereich oberhalb des Feuchtbiotops
  • NSG Berghalde Pluto-Wilhelm – bspw. Zwischenplateaus auf der Plutohalde
  • LSG Königsgrube – bspw. Bereich an der Zeche Hannover

Auch in diesen Bereichen auf dem westlichen Herner Stadtgebiet wäre die Beweidung mittels Ziegen und Schafe meiner Meinung nach ein probates Mittel zum Erhalt der dortigen Kulturlandschaft und deren Artenvielfalt. Wie sich die Situation rund um die Emscher in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird, ob sich die Landschaftspflege durch Beweidung im mittleren Ruhrgebiet tatsächlich weiter ausdehnen wird, werde ich natürlich im Auge behalten.


2 Gedanken zu „Spätsommer Landschaftspflege im LSG Röhlinghausen – tierische Rasenmäher

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