Schmuckschildkröte auf Abwegen

Beobachtung aus der Landschaft vom 16.06.2021

Ich glaube ich steh im Urwald?! Oder ist es doch eine Fata Morgana?! Schmuckschildkröten – gekommen um zu bleiben

Aufgrund der für gestern prognostizierten Tageshöchsttemperaturen von über 30°C hatte ich vorsorglich auf eine Laufrunde verzichtet und bin stattdessen auf das Fahrrad umgestiegen. Als ich gegen Ende meiner Runde am NSG Blumenkamp in Bochum-Günnigfeld vorbeikomme, traute ich meinen Augen nicht, denn vor mir mitten auf dem Weg, ca. 300 Meter vom großen Gewässerbiotop entfernt, sitzt eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta scripta). Während die beiden Exemplare, die ich zwei Wochen zuvor im LSG Röhlinghausen gesehen hatte, tot gewesen sind, scheint diese noch lebendig zu sein, was sich daran zeigt, dass sie mit ihrem Kopf unter ihren Panzer flieht, als ich mich ihr nähere.

Ausgesetzte Schmuckschildkröte im NSG Blumenkamp in Bochum Hordel [BILD 16.06.2021].

Nachdem ich mein Rad abgestellt hatte, ist die Cam schnell aus dem Rucksack gekramt, um das bisher nicht beobachtete Schauspiel einer Schmuckschildkröte auf Landausflug mit ein paar Fotos festzuhalten, denn normalerweise sieht man sie nicht auf Wegen hockend, sondern aus der Entfernung beim Sonnenbaden im naheliegenden Feuchtbiotop. Rein optisch betrachtet scheint mit dem bei uns nicht heimischen Reptil soweit alles in Ordnung zu sein. Die Augen sind etwas glasig, wobei mir ehrlichgesagt auch die Erfahrung fehlt, um beurteilen zu können, was bei einem Reptil normal ist und was nicht. Nachdem ich mich von der Panzerkröte wieder ein paar Meter entfernt hatte, um zu prüfen, ob sie möglicherweise ihren Weg fortsetzt, steckte sie den zuvor eingezogenen Kopf wieder ein Stück raus, doch den Anschein loszulaufen, macht sie nicht.

Genügsamer Passagier – vom Kröten-Taxi zum Schildkröten-Shuttle

Was tut man in einer solchen Situation idealerweise? Da mir nichts Besseres einfällt, um der Schildkröte zu helfen, und ich das Prozedere vom Supporten der Amphibien ja schon kenne, nehme ich das Reptil kurzerhand am Panzer hoch, was sie mit einem zaghaften Fauchen quittiert, und bringe sie zum nahegelegenen Gewässer. Nach dem anfänglichen Protest ergibt sie sich ihrem Schicksal, ohne dass sie irgendwelche Anstalten macht, mich beißen oder fliehen zu wollen. Der Panzer fühlt sich glatt und warm an, denn aufgrund der Sonne hat sich das dunkle Plattenschild ordentlich aufgewärmt. Ansonsten ist er trocken und staubig, was dafür sprechen könnte, dass sie schon ein Weilchen am Land unterwegs ist.

Ausgesetzte Schmuckschildkröte im NSG Blumenkamp in Bochum Hordel [BILD 16.06.2021].

In Deutschlands Gewässern längst keine Seltenheit mehr

Auf den 300 Metern zum größeren der beiden Gewässerbiotope im NSG Blumenkamp  werden meine Arme aufgrund des Gewichts von 3-4kg lang und länger. Das kleinere Gewässerbiotop, wäre zwar prinzipiell näher gewesen, da in dem Gewässer aber seltene Molch- und Krötenarten vorkommen, will ich nicht riskieren, dass die Anwesenheit der Schildkröte möglicherweise negative Auswirkungen auf die Amphibienpopulationen haben kann. Zudem habe ich ähnliche Exemplare beim Sonnenbaden in dem größeren Gewässer in der Vergangenheit regelmäßig beobachtet, was dafür spricht, dass es dort eine lokale Population, der eigentlich aus dem Südosten der USA – vor allem aus Florida stammenden Schildkröten, die bei uns als invasiv eingestuft sind, geben wird. Aufgrund der Einstufung der Schmuckschildkröten als invasive Art ist Einfuhr, Haltung, Zucht, Transport, Erwerb, Verwendung, Tausch und Freisetzung der Gelbwangen-Schmuckschildkröte, grundsätzlich verboten.

Ausgesetzte Schmuckschildkröte im NSG Blumenkamp in Bochum Hordel [BILD 16.06.2021].

Behäbig wirkende Kröte zündet den Turbo

Nachdem ich mich zunächst mit der Kröte in Hand durch den Lattenzaun gezwängt hatte, um sie im Uferbereich abzusetzen, geht es plötzlich unerwartet schnell. Die zuvor träge wirkende Schildkröte packte den Turbo aus und war schneller wieder im Wasser, als dass ich die Cam aus dem Rucksack kramen konnte.

Ausgesetzte Schmuckschildkröte im NSG Blumenkamp in Bochum Hordel [BILD 16.06.2021].

Manöverkritik

Inwieweit es korrekt und im Sinne des Naturschutzes gewesen ist, die Schildkröte wieder in einem Naturschutzgebiet auszusetzen, kann ich nicht beurteilen. Da ich aber zu 100% weiß, dass Exemplare dieser Art in dem Habitat vorkommen und die Schildkröte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch von dort gekommen sein wird, war für mich persönlich dabei kein Problem ersichtlich. Klar hätte man das Tier auch, da sich die Gelegenheit nun einmal ergeben hat, in eine Auffangstation verbringen können, um es aus dem Naturschutzgebiet zu entfernen. Da ich nicht wusste wen ich kontaktieren sollte und zudem kein Handy mit hatte, um überhaupt jemanden zu kontaktieren, gab es in der Situation im Grunde keine Alternative, denn mitnehmen wollte ich sie dann doch eher nicht.

Gedanken, Mutmaßungen und Spekulationen

Wie die Schildkröte zu der Stelle gekommen ist, kann ich mir nicht erkläre. Dass sie die 300-400 Meter eigenständig zurückgelegt hat, wäre vermutlich möglich, denke ich aber eher nicht. Aus welchem Grund sollte sie das sichere Gewässer verlassen? Zudem war auf dem sandigen Untergrund auch keine Schleifspur des Panzers zu erkennen. Möglicherweise wurde sie von irgendjemand unbedacht mitgenommen und nachdem sich dieser Jemand bewusst wurde, dass es vielleicht doch nicht eine so kluge Idee ist, die Schildkröte mit nach Hause zu nehmen, hat er sie an der Stelle wieder freigelassen?! Denkbar wäre es auch, dass sie illegal ausgesetzt wurde. Ein Beutegreifer wird sie so weit wohl nicht mitgeschleppt haben?!

Kröte“ auf Laichwanderung – Suche nach einem geeigneten Eiablageplatz?!

Didi bringt mit einer potentiellen Eiablage einen weiteren Erklärungsansatz ins Gespräch, an den ich bisher noch gar nicht gedacht hatte. Er erzählt mir, dass er vor vier Jahren im Dorneburger Park am dortigen Teich eine Schmuckschildkröte beobachtet hätte, die in einem sandigen Bereich unweit des Ufers Eier abgelegt hätte. Inwieweit ein solches Gelege mit den in unseren Breiten vorherrschenden Temperaturen überhaupt Chancen hätte, inkubiert zu werden, darüber gibt es keine gesicherten Daten. Feststeht aber, dass präferierte Eiablagestellen sonnige Uferzonen mit leicht sandigem Grund sind, die das trächtige Weibchen zur Oviposition (Eiablage) aufsucht. Die Eier werden vergraben und von der Sonne rund drei Monate lang inkubiert. Die Inkubationstemperatur bestimmt das Geschlecht der Jungtiere, so wie man es aus Tierdokumentationen auch von Krokodilen kennt.

Weitergesponnen: Temperatur bestimmt das Geschlecht

Die Temperaturabhängige Gelechterbestimmung kann beispielsweise so aussehen, dass bis zu einem bestimmten Temperaturwert (30°C) Weibchen entstehen, ab einem bestimmten Temperaturwert entstehen nur noch Männchen (34°C), was für den natürlichen Fortbestand aktuell noch ein existenzielles Problem zu sein scheint, da die höheren Temperaturwerte nicht über einen längeren Zeitraum erreicht werden, was zwangsläufig dazu führen würde, dass ausschließlich weibliche Nachkommen geboren werden würden. Ein Fortbestand wäre also selbst bei den aktuellen Temperaturen und vorhanden sandigen Eiablagestellen nur zu realisieren, wenn weiterhin männliche Schildkröten illegal ausgesetzt werden würden. Allerdings wird die natürliche und langfristige Vermehrung aller Voraussicht nach dank eines fortschreitenden Klimawandels in ein paar Jahren auch in unseren Breiten möglich sein.


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