Faszination Lepidoptera 2020 – Chronologie eines Live-Experiments (3.1)

Von der Jungraupe (L1) bis zur erwachsenen Raupen (L5)

3.1 Die ersten 14 Tage im Leben einer Schmetterlingsraupe


14.05.2020

Die erste Häutung steht bevor?!

Beobachtung: Drei Tage nach dem Schlupf haben die punktgroßen Miniraupen 2/3 des ersten Brennnesselblattes aufgefressen. Viel Aktion ist heute allerdings nicht zu beobachten. Die Raupen liegen verteilt auf dem Blattgerippe.

Vermutung: Im Vergleich zum Vortag haben die Raupen heute auch nicht viel gefressen, was ein Indiz dafür sein könnte, dass die erste Häutung kurz bevorsteht?! Oder ist es heute einfach nur zu kalt? Die Nachttemperaturen der letzten Tage lagen nah am Gefrierpunkt.


Beobachtung: Die Raupen bearbeiten das Blatt beidseitig. Sie fressen sowohl an der Blattoberseite als auch an der Blattunterseite (kopfüberhängend).

Beobachtung: Nicht fressende Raupen halten sich vornehmlich im Deckungsschatten des relativ transparenten Blattgerippes auf.

Beobachtung: Neben den Miniraupen befinden sich im Gespinst zunehmend auch ihre schwarzen und pulverförmigen Ausscheidungen.

Der Blattrücken bietet stets Deckung vor Fressfeinden.

Frage: Inwieweit das Blattskelett ausschließlich aus Überresten des entgrünten Blattes besteht oder ob sich die Raupen das schützende Raupengespinst selbst gesponnen haben, entzieht sich meinen aktuellen Kenntnissen.

Erkenntnis: Nach 3 Tagen wirkt die Brennnessel weiterhin frisch. Es scheint so, als wäre der Ansatz mit dem oben auf dem Aerarium platzierten feuchten Küchenpaper, so wie es auf den einschlägigen Seiten zu lesen ist, die Lösung für das frühzeitige Austrockenen der Pflanze. Die längere Konservierungsdauer der Brennnesselpflanze hängt aber sicherlich auch mit der tieferen Außentemperatur der letzten Tage zusammen. Zudem habe ich die Brennnessel mit einer Gartenschere schräg (wie bei Schnittblumen) angeschnitten, sodass Beschädigungen des Leitungssystems der Pflanze durch Quetschung vermieden werden konnten.

Aktion: Da das erste Blatt aber mittlerweile nahezu vollständig entgrünt ist, wird es Zeit die Pflanze auszutauschen. Dazu werde ich das belagerte Blatt samt den Raupen abschneiden, die alte Pflanze und den Raupenkot entfernen, um die Raupen mit dem Rest des abgeschnittenen Blattes in den oberen Bereich der frischen Brennnessel zu legen.


18.05.2020

Ordnung herrscht im Raupenstaat

Beobachtung: Während einige Raupen am Fressen sind, liegen andere inaktiv, wie schon vor einigen Tagen zuvor beobachtet, in Reih und Glied dicht nebeneinander im Gespinst.

Erklärung: Inwieweit dieses Verhalten mit einer bevorstehenden Häutung zusammenhängt oder ob es sich um das natürliche „Schwarmverhalten“ handelt, kann ich abschließend nicht beurteilen. Klar ist aber, dass die Raupen, so wie man es von Fischen, Kaulquappen oder Vögeln kennt, zum Schutz vor Beutegreifern einen großen Gesamtorganismus imitieren, um für diese als Beute uninteressanter zu erscheinen. Diese Strategie erklärt auch ihre anfängliche Geselligkeit trotz der bestehenden Futterkonkurrenz.

Beobachtung: Einige der Raupen scheinen dunkler als der Rest zu sein.

Vermutung: Wie es aussieht, hat sich dieser Teil der Raupen schon gehäutet, während bei den anderen die Häutung noch bevorsteht. Die schon gehäuteten Raupen sind leicht bräunlich und haben auch an Größe zugenommen.


19.05.2020

Tagesziel: Fressen und nicht gefressen werden

Beobachtung: Die Fressrate steigt kontinuierlich an, aktuell liegt sie bei 1 Blatt/ Tag. Die ersten größeren Gespinste sind zu erkennen, die Blattreste werden von den Raupen zusammengesponnen. Raupen halten sich vornehmlich hinter dem Gespinst bzw. auf der Blattrückseite auf.

Vermutung: Zum einen bietet dieses Verhalten Schutz vor Fressfeinden und schützt zugleich auch vor schädlicher UV-Strahlung.


20.05.2020

Zeit für die nächste Häutung?!

Beobachtung: Die meisten Raupen befinden sich dicht nebeneinandergepackt in der Gespinsttasche, die aus einem zusammengerollten Blattgerippe und der Raupenseide besteht. Einige Raupen sind weiterhin mit Fressen beschäftigt.

Platz ist selbst in der kleinsten Hütte – eng nebeneinander im Schutze der Gemeinschaft.

21.05.2020

Neues Outfit – das wird…

Beobachtung: Die Farbe ist wesentlich dunkler geworden. Die aktuelle Farbe ist vom samtigen Schwarz der erwachsenen Raupe nicht mehr weit entfernt. Darüber hinaus lassen sich neben ganz feinen Härchen die ersten Ansätze der Körperdornen erkennen.

Über Nacht ergraut – das neue Kleid der Jungraupen.

Beobachtung: Dahingegen ist diese Umwandlung bei einigen wenigen noch nicht erfolgt. Diese sind noch gelblich unbehaart und fressen oder halten in der Gespinsttasche die typische Häutungsruhe. Andere Raupen haben sich zwar schon gehäutet, müssen aber noch nachhärten, was an ihren hellen Gesichtern zu erkennen ist. Gegen Mittag mit zunehmender Außentemperatur steigt die Aktivität und damit die Fressrate rapide an – nach dem halben Tag ist ein Brennnesselblatt bis auf das Gerippe vertilgt.


Beobachtung: Bei minimalen Erschütterungen des Aerariums beispielsweise durch die Abnahme der Sichtschutzfolie oder wenn beim Reinigen die Vase mit den Brennnesseln bewegt wird, stellen die Raupen unmittelbar jegliche Bewegung ein und verfallen für einige Zeit in einer Art Schockstarre.

Ein bunter Haufen von Raupen des Tagpfauenauges in unterschiedlichen Entwicklungsstufen.

Beobachtung: Zudem sind sie die Raupen geräuschsensibel – bei lauteren Geräuschen im direkten Umfeld zucken sie gemeinschaftlich zusammen. Die Choreografie ist fast schon amüsierend anzugucken.

Beobachtung: Die Größenunterschiede zwischen den Raupen sind teilweise deutlich zu erkennen. Farbe verändert sich hin zu einem grau-bräunlichen Farbton, wobei der Kopf schwarz und der Rumpfbereich wesentlich dunkler ist als das Raupenende.


26.05.2020

Schon wieder Zeit für ein neues Kleid!

Feststellung: Mittlerweile sind zwei Woche nach dem Schlüpfvorgang vergangen. Die letzten Tage hat der Raupen-Trupp weiterhin gesellig zusammengearbeitet. Ansonsten tun die Raupen das, was von Raupen im Fressstadium zu erwarten ist – sie fressen & wachsen.

Beobachtung: Eine Körperlänge von 5 mm ist erreicht. Die Fressrate liegt mittlerweile bei drei Blatt pro Tag. Die Raupen halten sich überwiegend in der Deckung unter dem Blatt oder der Gespinstdecke auf. Vor allem am Morgen liegen sie oft inaktiv und träge nebeneinander.

Vermutung: Möglicherweise handelt es sich hierbei im Gegensatz zur Passivität während des Häutungsprozesses um eine Art von Verdauungsschlaf, bei dem die Nahrungsbestandteile wie das Chlorophyll und die Ameisensäure der Brennnessel verdaut werden!?

Mystische Formation oder natürliches Gebilde? Wo liegt der Vorteil einer solchen Ansammlung?

Beobachtung: Diese Donut- bzw. Ringformation habe ich in den letzten zwei Wochen noch nicht beobachten können. Sieht fast schon mystisch aus. Vieles spricht dafür, dass die nächste Häutung kurz bevorsteht. Der Literatur war zu entnehmen, dass beim Tagpfauenauge im Raupenstadium insgesamt 4-5 Häutungen erfolgen. Allerdings könnte ich aktuell nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Häutungen bisher schon erfolgt sind, weil ich vor allem bei den frühen Häutungen aufgrund fehlender Erfahrung nicht auf die typischen Häutungsreste geachtet habe.


27.05.2020

Raupen mit Dornen & weißen Punkten

Beobachtung: Die Raupen müssen zwar noch einiges an Größe zulegen, aber die äußere Gestalt der erwachsenen Raupe ist schon jetzt erreicht. Nach der Häutung sind die Räupchen komplett schwarz und die typischen Körperdornen sind voll ausgeprägt. Die 13 Körpersegmente lassen sich deutlich erkennen. Nur wenige Raupe tragen weiterhin das nussbraune Kleid des Vorstadiums. Die Entwicklungsgeschwindigkeit scheint individuell stark zu schwanken.

Vermutung: Entweder steht bei den bräunlichen Raupen die nächste Häutung noch bevor oder es liegt irgendein Defekt oder eine Krankheit vor. Allerdings ist die Raupenschaft ansonsten augenscheinlich fit. Und bis auf die eine Raupe, die vor einigen Tagen regnungslos am Pflanzenstiel saß, sind bisher auch keine Verluste zu vermelden.

Farbe & Gestalt passen schon – bei 1 cm Körpergröße fehlt noch einiges an Größe und Masse.

29.05.2020

Leere Raupenhüllen?!

Beobachtung: Während die Raupen vieler anderer Schmetterlinge die Überreste der Häutung auffressen, verbleiben sie beim Tagpfauenauge in der Gespinsttasche.

Fast Fashion im Tierreich: Die Überreste der vorherigen Raupenhaut.

Problem: Am Tag nach einer Häutung ist die Fressrate bei den mittlerweile 20 mm großen Raupen besonders beeindruckend! Mittlerweile geht an einem Tag eine Pflanzenspitze mit sechs Blättern drauf. Alle zwei Tage drei 30cm-Pflanzen zu besorgen, ist vom Zeitaufwand aktuell noch unproblematisch, aber die Raupen sind auch noch relativ klein und die nähere Umgebung ist kahl.

Lösung: Entweder werde ich einen Teil der 100-150 Raupen ausquartieren oder an Interessierte (Kindergarten, Grundschule, etc.) weitergeben!?


Ausblick:

Um den Beitrag nicht zu lang werden zu lassen, folgt hier der nächste Cut. Welche Entscheidung ich hinsichtlich der Gruppengröße treffen musste, wie sich die Raupenschaft in den nächsten 2 Wochen bis zur Erreichung des Puppenstadiums weiterentwickeln werden und sicherlich noch vieles mehr, erfahrt ihr im nächsten Beitrag zum Live-Experiment aus der Themenreihe Faszination Lepidoptera.


Rückblick:

Live-Experiment Teil 1:
Die Eiablage

Live-Experiment Teil 3.2:
Die Mittelraupe (L3-L4)

Live-Experiment Teil 2:
Die Eireifung

Live-Experiment Teil 3.3:
Die Altraupe (L4-L5)