Faszination Lepidoptera 2020 – Chronologie eines Live-Experiments (3.2)

Von der Jungraupe (L1) bis zur erwachsenen Raupen (L5)

3.2 Die zweite Lebenshälfte einer Raupe.


30.05.2020                 

Auswilderung

Beobachtung: Als ich mir das Aerarium am Morgen betrachte, liegen erstmals sechs Räupchen auf dem Küchenpapier am Boden.

Vermutung 1: Da es in der Nacht weder windig war, noch andere erklärbare Erschütterungen zum Absturz geführt haben können, gehe ich davon aus, dass es sich dabei um einen natürlichen Abwanderungsversuch gehandelt haben könnte. Möglicherweise um neue Brennnessel-Vorkommen in der der näheren Umgebung ausfindig zu machen, um die Gruppe aufzuteilen und somit die Überlebenschance zumindest eines Teiles im Fall eines Fressfeindkontaktes zu sichern.

Vermutung 2: Andererseits ist auch Konkurrenzkampf als Ursache denkbar. Futterneid oder es handelt sich hierbei um eine Art natürlicher Selektion oder eine Krankheit – die eine Separierung zum Schutz der restlichen Raupen erfordern werden lässt.

Reaktion: Die Beobachtung hat mich dazu veranlasst einen Teil der Raupenschaft in die wilden Brennnesseln des Nachbarn zu setzen, inwieweit die Überlebenschancen bei der Dichte an Prädatoren und die überschaubare Anzahl von nur 20 Raupen als vielversprechend zu bewerten ist, ist mehr als fraglich. Wenn es schlecht läuft, werden sie schon im Laufe des Tages als Meisensnack geendet sein, da aktuell zwei im Garten beheimatete Brutpaare ihre Jungen zu versorgen haben.

Zum Nachbarn ausgewilderte L2-Raupen im Mai 2020.

Beobachtung 2: Nachdem ich die Raupen zusammen mit Resten des Brennnesselblattes auf die Wilde Brennnessel gelegt hatte, wandern die Raupen nach einer Weile (5min) auf die Blattunterseite, wo sie vor Prädatoren vorerst geschützt sind. Nahrung gibt es in diesem Areal zu Genüge und auch das Wetter soll zumindest die nächste Woche gleichbleibend warm bleiben. Zudem ist davon auszugehen, dass die Raupen in einer Woche weiter an Größe zugelegt haben, was die Überlebenschancen im Freien vergrößern sollte. Danach sind zwar ein paar regenreichere Tage angekündigt, aber das sind die Gesetze der Natur. Durch die Auswilderung fällt auch der Schutz vor Parasiten weg.  Nach weiteren zwanzig Minuten ist das erste Loch im Brennnesselblatt. Die Auswildungen scheint keinerlei Anpassungsschwierigkeiten mit sich gebracht zu haben.


01.06.2020                 

Häutungsbeginn

Heute Morgen drei 30cm-Brennnesselpflanzen besorgt und das Wasser der Pflanzenvase ausgetauscht. Die Temperatur liegt recht früh am Tag schon über 25°C, was eine extrem hohe Aktivität innerhalb der Raupenschaft bedeutet hat.

Beobachtung: Es kam zu einer Aufteilung der Gruppe. Eine Gruppe hat sich nach oben vorgearbeitet, während die Andere unmittelbar in der Nähe zum alten Standort weitergefressen. Bei der heutigen Fressrate kann ich Morgen wieder neues Futtermaterial besorgen.

Ruhephase vor der Häutung – Entwicklung erfolgt allerdings nicht im Gleichschritt!!!

Beobachtung: Ansonsten fällt auf, dass die Größenunterschiede zu nehmen und sich Aussehen und Größe zwischen den zur gleichen Zeit geschlüpften Raupen immer weiter voneinander unterscheiden. Manche Raupen sind fast doppelt so lang und dick wie ihre gleichaltrigen Geschwister. Teilweise sind auch erhebliche Farbunterscheide zu erkennen, die von nussbraun bis tief schwarz reichen.

Beobachtung: Irgendwie ein mit dem kopfschlagende Raupe, die wie wild mit Kopf und Vorderkörper in alle Richtungen schlug.

Vermutung: Ich nehme mal an, dass es Häutungsvorbereitungen waren, und dass die Raupe zu den kleineren gehört und dementsprechend eine Häutung im Rückstand ist. Bei der Recherche im Internet hatte ich gelesen, dass Raupen in der Phase kurz vor einer Häutung unter Atemnot leiden!? Möglicherweise ein Ringen nach Luft?!

Beobachtung: Die Raupengruppe draußen in den Brennnesseln zum Nachbargrundstück hat sich ein schützendes Gespinst zusammengefuttert, da scheint alles seinen geregelten Ablauf zu nehmen und ausreichend Brennnessel sind im direkten Umfeld auch noch vorhanden.


02.06.2020                 

Häutung

Beobachtung: Die gestern besorgten frischen Brennnesseln werden von den Raupen nahezu den ganzen Tag verschmäht. Die Raupen liegen dahingegen träge und dicht bei einander. Vereinzelt zucken und rucken die Raupen fast schon krampfartig.

Vermutung: Möglicherweise handelt es sich hierbei um den Versuch der Raupen, sich auf diese Weise ihre alte Hülle abzustreifen. Dieses Verhalten ist vielleicht vergleichbar mit der Situation, wenn man sich nach einem Regenschauer möglichst schnell seiner viel zu engen und nassen Hose entledigen will.

Die leeren Häutungsreste verbleiben im Gespinst, bei anderen steht die Häutung noch an.

Beobachtung: Das Aussehen von frisch geschlüpften Raupen unterscheidet sich von Raupen, die schon ein paar Stunden zuvor geschlüpft sind erheblich. Die ansonsten schwarzen Körperdornen sind noch ganz weich und hell. Und auch das Gesichtsfeld ist statt glänzend schwarz rötliche-braun.


04.06.2020

Beobachtung: Die restlichen Brennnessel sind über Nacht nahezu vollständig kahl gefressen. Am Morgen liegen mehrere Raupen auf dem Boden und laben sich an den dortigen Brennnesselblättern. 

Beobachtung: Viel Aktivität ist allerdings nicht zu erkennen. Dennoch habe ich umgehend vier frische Brennnesselpflanzen besorgt. Minimal feucht, da es zuvor leicht geregnet hatte. Nach dem sommerlichen Tagen mit Temperaturen nah an den 30°C gab es heute eine Halbierung der Temperatur.

Aktion-Reaktion: Beim Versuch eine runtergefallene Raupe mit Hilfe eines Wattepads, welches ich ihr zum Hinaufklettern hingehalten hatte, um sie auf diese Weise zurück auf die Pflanze setzen zu können, dankt die Raupe mir mit dem Absondern einer grünen Flüssigkeit.

Rotes Gesichtsfeld und weiße Dornen – frisch gehäutete Raupen müssen zunächst nachhärten!

Vermutung:  Bei der Flüssigkeit handelt es sich um vorverdauten Mageninhalt (Grün = Chlorophyll der Brennnessel) und bei dem Verhalten um eine Art Abwehrreaktion, um einen potentiellen Fressfeind in die Flucht zu schlagen.

Plan: Zukünftig werde ich wohl besser warten, bis die Raupe selbstständig auf ein am Boden liegendes Brennnesselblatt geklettert ist, um so zu vermeiden, dass die Raupe ihren kostbar angefutterten Mageninhalt sinnlos ausspuckt.

Beobachtung: Obwohl der lang ersehnte Regen, der im Laufe des gestrigen Tages und der heutigen Nacht herunterkam, ergiebig war, lassen sich die im Brennnesselfeld auf der anderen Seite der Hecke ausgesetzten Wilden-Raupen vereinzelt beobachten.

Vermutung: Auffallend ist, dass der Gruppenverband aufgelöst scheint und die Raupen schon verstreut auf mehreren Brennnesseln sitzen.

Beobachtung: Die Raupen im Aerarium machen heute Morgen im Vergleich zu Gestern einen trägeren Eindruck, was mit merklich auf 14°C abgekühlt Außentemperatur zusammenhängt.


05.06.2020

Wetter- und Temperaturtechnisch ein ähnliches Bild wie am gestrigen Tag – seit gestern Abend  haben die Raupen nahezu alle Brennnesseln weggefuttert.

Aktion: Da das Aerarium unbedingt einer Säuberung bedarf, habe ich heute sämtlichen Raupenkot und Pflanzenreste entsorgt. Dazu habe ich die komplette Raupenschaft zusammen mit ihrem Gespinst auf die Sichtfolie gelegt, das Küchentuch erneuert und die restlichen Pflanzen, zumindest soweit es möglich war, zurückgeschnitten. Nachdem die vier frischen Brennnesseln in der Vase waren, habe ich die Pflanzen-Gespinstreste mit den Raupen auf den Boden des Aerariums befördert, wo sie den ganzen Tag über verweilten. Auch die frischen Brennnesseln bleiben unberührt.

Vermutung: Möglicherweise war die ungewohnt rabiate Säuberungsaktion traumatisierend?! Vielleicht hängt es auch mit dem ungemütlichen Wetter zusammen, das in der freien Wildbahn erhebliche Gefahren für die Raupen darstellen würde?

Beobachtung: Als gegen 18 Uhr dann doch mal die Sonne rauskommt, scheint der Säuberungs-Schock überstanden zu sein. Ein Großteil der Raupen robbt wie die Prozessionsspinner die Brennnesselstiele empor und widmet sich ihrer Lieblingsbeschäftigung – dem Vernichten von Brennnesseln.

Oben an den frischen Triebe ist der Stickstoffgehalt der Planzenblätter besonders hoch, was für eine schnellere Entwicklung sorgt.

Vermutung: Einzelne Raupen sitzen weiterhin im Gespinst – möglicherweise befinden sich diese im Häutungsprozess?!

Frage: Welche Folgen Störungen bei Häutung haben, dazu habe ich bisher nirgendwo etwas lesen können. Zu Beginn des Puppenstadium sollten Störungen zur Vermeidung von Fehlbildungen unbedingt vermieden werden. Ebenfalls sind nach dem Schlupf schnelle Bewegungen zu vermeiden, da der noch frische Falter stürzen könnte.


06.06.2020

Raupen-Quarantäne

Beobachtung: Zwei vergleichsweise kleine Raupen sitzen weiterhin regungslos auf dem Boden des Aerariums.

Aktion: Um die Gesundheit der Gruppe nicht zu gefährden, werde ich diese zwei Raupen auf die Brennnessel des Nachbarn hinter der Hecke legen. Falls sie sich noch fangen sollten, wäre es schön, falls dem nicht so ist, steigt der Verlust-Score auf mittlerweile drei Raupen. In der freien Natur wäre die Quote bei 100 bis 150 gelegten Eiern wohl auch zum jetztigen Zeitpunkt bedeutend höher.


07.06.2020

4 Woche nach Schlupf

Heute Morgen sitzen alle Raupen verteilt auf den kahlgefressenen Stängeln.

Beobachtung: Vier frische Pflanzen besorgt und nach kurzer Zeit futtern alle in Kleingruppen an unterschiedlichen Stellen, die einstige Geselligkeit scheint aufgegeben worden zu sein.

Vermutung: Entweder ein natürliches Verhalten oder der Blattstatik geschuldet, da die Räupchen mittlerweile stattliche Raupen geworden sind. Oder die Raupen sind mittlerweile so groß und wehrhaft durch ihre Dornen, dass sie Vögel möglicherweise nicht mehr fürchten müssen. Das würde auch erklären, warum sie sich überwiegend in den oberen Bereichen der Pflanze aufhalten.

L4-Raupen laben sich an einem Brennnesselblatt – Technik ist alles!

Prognose: Wenn die theoretischen Daten zur Entwicklungsdauer hinkommen, sollte die Verpuppung in 4 bis 5 Tagen beginnen. Der Raupenschlupf hatte sich im Vergleich zum Literaturwert der Entwicklungsdauer der Eireifung leicht verzögert – vermutlich wirkt sich diese Verzögerung auch auf den Termin der Verpuppung aus?!


08.06.2020

Beobachtung: Die Raupen haben seit gestern 80% der vier Pflanzen vertilgt. Ein Großteil der Raupenschaft hat sich schon in Bodennähe befunden, um neue Pflanzengründe zu erschließen – vermutlich auch aus dem Grund, weil dort die einzigen noch grünen Blätter waren. Deshlab umgehend sechs neue Pflanzen ins Aerarium gestellt (11.30 Uhr). Dennoch ist davon auszugehen, dass Morgen nur noch die Pflanzenstiele und -gerippe davon übrig geblieben sind. Unabhängig davon wird es mittlerweile eng im Aerarium, vlt sollte ich einen weiteren Teil der Raupenschaft kurz vor der Verpuppung auswildern?!

Vermutung: Lange wird es bis zur Verpuppung wohl nicht mehr dauern. Vielleicht sollte ich in den oberen Bereich des Aerariums ein paar Äste bereitlegen, woran sich die Raupen dranhängen können?!

Beobachtung: Großer Trupp hält sich oben am Fliegengitter auf, obwohl noch viel frisches Grünzeug am Start ist?!

Nach der Völlerei der letzten Tage ist Chillen angesagt. Die nächste Häutung steht wohl bevor!

Beobachtung: Beim Blick über die Hecke ins Brennnesselfeld des Nachbarn entdecke ich eine Raupengruppe von 5 unter einem Brennnesselblatt. Inwieweit es die anderen auch geschafft haben, oder ob sie Wetter oder Prädatoren zum Opfer gefallen sind, kann ich nicht sagen, da die Stelle nur schwer einzusehen ist. 5 von 12 wäre immer noch eine Quote die weiteüber der Quote liegt, wie sie in der Natur der Normalität entsprechen würde. Halten sich unter dem Blatt auf, zum Schutz vor Prädatoren?

Auch den Wilden geht es augenscheinlich gut – hier grasen 5 im Deckungsschatten eines Brennnesselblattes.

Frage: Inwieweit unter natürlichen Bedingungen nur nachts gefuttert wird, oder ob die Raupen von Tagfaltern auch schon ausschließlich tagaktiv sind, weiß ich nicht.


Theoretisches zum Raupenstadum:

Ungefähr vier Wochen (23 bis 28 Tage) und 4 bis 5 Häutungen später nach dem Schlüpfen verpuppen sich die Raupen – Literaturangabe: 15 bis 30 Tage. Gegen Ende des Raupenstadiums erreichen die Raupen eine Körpergröße zwischen 35 und 42 Millimetern. An anderer Stelle waren 4 bis 5 Wochen bis zur Verpuppung angegeben, was 28 bis 35 Tagen entsprechen würde. Vermutlich resultieren diese zeitlichen Schwankungen auch aus der Tatsache, dass es mehrere Generationen gibt und die Früh-Generation (Entwicklung April-Juli) vermutlich länger benötigt als die Sommer-Edition bei konstant warmen Temperaturen?!


Ausblick

Um den Beitrag nicht zu lang und unübersichtlich werden zu lassen, folgt hier der nächste Cut. Bis zur Verpuppung dauert es nicht mehr lange. Aufgrund von Konstruktionsfehlern beim Bau des Aerariums wartet eine teilweise verdammt stressige letzte Woche des Live-Experiments, die mit der Verpuppung enden wird.


Weitere Beiträge zum Thema:

Live-Experiment Teil 1:
Die Eiablage

Live-Experiment Teil 3.1:
Die Jungraupe (L1-L3)

Live-Experiment Teil 2:
Die Eireifung

Live-Experiment Teil 3.3:
Die Altraupe (L4-L5)