Kopfloser Karpfen im Rhein-Herne-Kanal

Beobachtung aus der Landschaft vom 13.09.2021

Mitte September führte mich meine Laufrunde ausnahmsweise Mal nicht durch die heimische Landschaft von Erzbahntrasse und Hüller Bach, sondern in den Bereich des Steag Heizkraftwerks am Rhein-Herne-Kanal in Herne-Baukau, was etwas außerhalb meines eigentlichen Laufreviers liegt. Es zeigte sich, dass sich ein solcher Tapetenwechsel durchaus förderlich auf die Motivation auswirkt, denn eine relativ unbekannte Umgebung durchläuft man in der Regel mit noch offeneren Augen, da es viel Neues zu entdecken gibt. Beim langsamen Lauf entlang des Kanaluferweges bemerke ich sodann einige Meter vor uns einen im Wasser stromabwärtstreibenden Gegenstand, der sich aus der Nähe als ein toter Fisch zu erkennen gibt. Der Fisch ist stark deformiert, ihm fehlt augenscheinlich der gesamte Kopfbereich. Da meine Vorbereitung auf die Fischerprüfung noch nicht allzu lange zurückliegt, ist die Bestimmung des Fischkadavers trotz Kopflosigkeit nicht all zu kompliziert.

Toter Fisch im nahen Uferbereich des Rhein-Herne-Kanals in Herne Baukau [BILD 13.09.2021].

Verletzungen sprechen nicht für tierischen Ursprung

Bei dem Fisch handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine der zahlreichen Zuchtformen des Wildkarpfens (Cyprinus carpio). Wer oder was dem beliebten Speisefisch diese Verletzungen zugefügt hat, darüber lässt sich nur mutmaßen. Verräterisch an der Art der Verletzungen ist neben dem vollständig und fast schon säuberlich abgetrennten Kopfbereich in jedem Fall auch, die tiefe Einkerbung hinter der Rückflosse des Karpfens, die eigentlich keinen anderen Schluss zulässt, außer dass der Fisch einer massiven mechanischen Krafteinwirkung ausgesetzt war. Ein Räuber kommt bei diesem Verletzungsmuster nicht in Frage, denn in unseren Gewässern gibt es kein Lebewesen, deren Bisskraft dermaßen groß ist, um solche Spuren zu hinterlassen?! Somit steht auch fest, dass irgendetwas Technisches für die tödlichen Verletzungen verantwortlich sein muss.

Turbinen eines Wasserkraftwerks können ausgeschlossen werden!

Über die potentielle Gefahr für Fische, die von den Wasserturbinen der Wasserkraftwerke ausgeht, hatte ich in der Vergangenheit irgendwann mal eine Reportage gesehen. Die erhobenen Ergebnisse der Untersuchung, die unmittelbar hinter der Staustufe durchgeführt und im Rahmen dieser Reportage thematisiert wurden, waren zu tiefst erschreckend. Die Anzahl der durch die Turbinen zu Tode gehäckselten Fische war unvorstellbar hoch. Jedoch gibt es an dem Abschnitt des Rhein-Herne-Kanals keine mir bekannten Kraftwerke, die mittels Turbinen aus Wasserkraft Energie erzeugen und als Ursache in Frage kommen. Es gibt zwar das unmittelbar am Kanal gelegene Steag Heizkraftwerk, doch eine Verbindung des gewaltsamen Ablebens des Fisches zum Heizkraftwerk kann ausgeschlossen werden, da es sich mehrere Meter flussabwärts befindet und der tote Fisch mit Sicherheit nicht gegen den Strom geschwommen ist.

Schleusen als tödliche Fallen? Durchaus denkbar, aber wohl eher nicht!

Als eine weitere technisch-bauliche Besonderheit am Kanal, die als Ursache für die massiven Verletzungen des Fisches in Frage kommt, wären Schleusen zu nennen, von denen es entlang des Kanals mehrere gibt. Und wie es der Zufall will, befindet sich nicht weit vom Fundort des toten Karpfens die Schleuse Herne Ost. Inwieweit Schleusen allerdings tatsächlich das Potential haben, unter bestimmten Bedingungen zur Todesfalle für Fische werden zu können oder ob sie es grundsätzlich sind, kann ich nicht beurteilen. Denkbar wäre es aber allemal, da die Schleusenkammer zur Angleichung der unterschiedlichen Wasserniveaus der Kanalabschnitte vor und nach der Schleuse ständig voll- und wieder leergepumpt werden.

Schiffsantrieb für den Fischtod verantwortlich

Nachdem die baulichen Besonderheiten am Kanal zumindest als alleinige Ursache ausgeschlossen werden können, sollten wir uns dem zuwenden, was bei einer künstlichen Wasserstraße besonders naheliegt – den Lastschiffen und vor allem ihrem Antrieb, denn von diesen geht meiner Meinung nach die größte Gefahr aus. Die Bedrohung der rotierenden Schiffsschraube steigt vor allem bei Niedrigwasser, denn je weniger Wasser ein Gewässer führt, desto geringer ist der Platz, den sich die Fische mit den Schiffen und den rotierenden Schiffsschrauben teilen müssen. Durch die niedrigwasserbedingte Verengung auf die Fahrrinne steigt die Wahrscheinlichkeit einer Kollision zwischen Fisch und Schiffsschraube. Zudem hängt der Abstand der Schiffsschraube zum Gewässerboden von Wassertiefe ab. Also mit Abnahme von Gewässerbreite und –tiefe steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Fische in den Bereich von Sogwirkung und Wasserverwirbelungen gelangen, wo sie die Orientierung und Kontrolle verlieren und schlussendlich von den rotierenden Propellern der Schiffsschrauben zerhackt werden.

Durchgängigkeit von Gewässern – ein wichtiger Aspekt im Naturschutz

Auch während der Schleusung kommt es in der Schleusenkammer zu einer kritischen Verengung des Raumes. Dass Fische überhaupt in die Schleusen schwimmen, hat mehrere Gründe, hängt aber auch damit zusammen, dass sie ein ähnliches Wanderverhalten wie Vögel oder Amphibien zeigen und die Staustufen im Fließgewässer Kanal auf ihren Wanderungen künstliche Barriere darstellen, die in vielen Fällen nur über die Schleusen überwunden werden können. Das Problem wurde mittlerweile auch durch die EU erkannt und die Durchgängigkeit von Fließgewässern für aquatische Organismen als ein Ziel deklariert, das u.a. durch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie erreicht werden soll. Allerdings liegt der Fokus hierbei vornehmlich auf natürliche Gewässer wie Bäche und Flüsse.

Das Wandern ist des Müllers Lust und von zahlreicher Tiere

Wie bereits erwähnt, ähnelt das Wanderverhalten von Fischen sehr stark dem Verhalten von Zugvögeln oder Amphibien. Aber nicht nur Fische, Vögel und Amphibien wandern aus diversen Gründen, auch Insekten wie beispielsweise der heimische Distelfalter kommt jedes Jahr aus wärmeren Regionen Europas nach NRW geflogen. Das übergeordnete Ziel einer jeden Wanderung im Tierreich ist die Suche nach den optimalen Bedingungen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Nahrungsbeschaffung und Reproduktion. Ein prominentes Beispiel, das jedes Kind kennt, ist der Weißstorch, der im Frühjahr nach Europa kommt, weil er hier während dieser Jahreszeit ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfindet, welches ihm ermöglicht, seinen Nachwuchs groß zu ziehen. Sobald der Nachwuchs groß genug ist und sich die Bedingungen wieder verschlechtern geht es zum Überwintern zurück nach Afrika.

Laichwanderung im Reich der Fische weit verbreitet

Im Unterschied zu den meisten heimischen Amphibien, die ausschließlich während der aquatischen Phase, was dem Zeitraum der Entwicklung vom Ei zur Larve und weiter zum adulten Landlebewesen entspricht, auf das Element Wasser angewiesen sind, besteht bei Fischen diese Abhängigkeit das ganze Leben lang. Zur Fischwanderung kommt es vor allem deshalb, weil sich die Anforderungen an den Ort der Fortpflanzung von Art zu Art teilweise gravierend unterscheiden. Während bei den anadromen Fischarten wie Lachs, Stör und Maifisch die Fortpflanzung im Süßwasser erfolgt und sich die Kinderstube der Larven im Salzwasser befindet, wandern katadromen Arten wie beispielweise der Europäische Aal zur Laichablage vom Meer ins Süßwasser von Seen und Flüssen. Der Karpfen bevorzugt dahingegen zur Laichen flaches Wasser mit höheren Temperaturen und krautigem Untergrund, die in dem für die Schiffsfahrt optimierten Gewässer nicht zu finden sind.

(anadrom: abwärtsziehend; aus den Flüssen zur Laichablage ins Meer ziehend; katadrom – aufwärtsziehend; aus dem Meer zur Laichablage in die Flüsse ziehend.)

Resümee

Nicht nur an und auf asphaltierten Straßen lauert der plötzliche Tod, auch Wasserstraßen können für Wildtiere zur tödlichen Falle werden. Nach den vorherigen Überlegungen spricht also einiges dafür, dass der beobachtete Karpfen Opfer des Schiffverkehrs wurde. Vermeidbar sind diese letalen Zwischenfälle allerdings genauso wenig, wie es möglich wäre, Unfälle durch Wildwechsel zu vermeiden. Es zeigt sich aber einmal mehr, dass die anthropogenen Gefahren für Wildtiere im urbanen Umfeld omnipräsent sind und der Mensch eine entscheidende Selektionsinstanz in der Evolution vieler Tiere darstellt.


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